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Professor Dr. Sven Nickel (Berlin): PDF Drucken E-Mail
Freitag, 17. Oktober 2008
12.000 funktionale Analphabeten im Lahn-Dill-Kreis
(red). Zum 11. Bildungsforum der CDU Lahn-Dill hatte die Union mit Professor Dr. Sven Nickel von der Freien Universität Berlin einen Wissenschaftler zum Thema „Analphabetismus“ eingeladen, der sich seit vielen Jahren mit dieser Problematik beschäftigt. Nickel machte in den Räumen der Phantastischen Bibliothek in der Wetzlarer Turmstraße deutlich, dass es weltweit etwa 1 Milliarde Menschen gebe, die nicht Lesen und Schreiben könnten, dies seien rund 25 Prozent der Erwachsenen. Während man allgemein geneigt sei, dieses Problem den Entwicklungsländern zuzuordnen, was im Kern natürlich nicht falsch sei, dürfe man jedoch nicht vergessen, dass es auch in Deutschland etwa 4 Millionen funktionale Analphabeten gebe, die nicht in der Lage seien, sinnerfassend Lesen und sich in Schriftform ausdrücken zu können. In diesen Zahlen nicht beinhaltet seien Menschen in Deutschland mit Migrationshintergrund, auf die diese Aussage inhaltlich zu einem nicht unerheblichen Prozentsatz ebenfalls zutreffe.
Heruntergebrochen auf den Lahn-Dill-Kreis müsse man von etwa 12.000 Menschen ausgehen. Dies sei für die Betroffenen schlimm genug, denn der Alltag werde dadurch deutlich erschwert. Formulare könnten nicht gelesen und ausgefüllt werden, Busfahrpläne nicht erfasst, Kartenautomaten am Bahnhof nicht bedient werden und vieles andere mehr.
Studien zufolge belaufe sich der daraus entstehende volkswirtschaftliche Schaden zum Beispiel in England auf etwa 14 Milliarden Euro pro Jahr, in der Schweiz auf ca. 1,3 Milliarden Euro. Konkrete Zahlen zu Deutschland gebe es nicht, aber sie dürften sich analog zu England auf eher höherem Niveau bewegen.
Die Auswirkungen seien aber vor allen Dingen für die Betroffenen teilweise unter psychologischen Aspekten dramatisch. Man habe kein Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, das Selbstwertgefühl, das jeder Mensch benötige, könne nicht aufgebaut werden. Man laufe Gefahr, gedemütigt zu werden. Deshalb, so Professor Nickel abschließend, müsse man gerade in der Schule mehr denn je deutlich machen, wie unendlich wichtig es sei, Lesen und Schreiben zu können. Nur so sei eine aktive Teilnahme am gesellschaftlichen Leben möglich.
Eine Auffassung, die CDU-Kreisvorsitzender Hans-Jürgen Irmer teilte. Wenn Bildung abnehme, wenn man Zusammenhänge in der Gesellschaft, in der Wirtschaft nicht erkennen könne, dann steige die Gefahr der Manipulierbarkeit des Einzelnen.
Auch vor diesem Hintergrund, so Irmer, sei es so wichtig, dass jeder Lesen und Schreiben lerne, und zwar so, dass er sich später ein eigenes Bild von den komplexen Zusammenhängen der Gesellschaft machen könne und er damit als weitere Grundvoraussetzung auch Erfolg im Beruf habe. Deshalb begrüße er ausdrücklich die Bemühungen des Zentrums für Literatur, Maßnahmen zur Leseförderung schon in jungen Jahren zu starten. Dies alleine reiche nicht. Auch im Bereich der Lehrerausbildung müsse hier verstärkt ein Augenmerk auf das Erkennen der Defizite gelegt werden.
 
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